Köln / Amiens. Wenn erfreuliche Rahmenbedingungen, wie sonniges Wetter, eine bequeme Hotelunterkunft, schmackhafte Abendessen und ein stets freundlicher und hilfsbereiter Busfahrer den Erfolg einer Reise ausmachen, dann trifft das für die einwöchige Exkursion von fünfundzwanzig Reisenden zu, von der hier die Rede ist.
Selten kommen - nicht nur in meteorologischer Hinsicht - so viele günstige Begleitumstände zusammen; aber weit entscheidender für das Gelingen war, dass sich alle Teilnehmer von Beginn an auch gut verstanden, dass sie manches Neue erfuhren und erlebten, so dass viele nach eigenem Bekunden mit intensiven Eindrücken zurückkehrten. Manche äußerten daher spontan den Wunsch, der Volksbund möge bald wieder die Gelegenheit zu einem derartigen Reiseerlebnis in unserem Nachbarland bieten.
Bewegende Eindrücke hinterlassen offene Fragen
Die Fahrt von Köln über Arras ins rund vierhundert Kilometer entfernte Amiens an der Somme vom 25. bis 29. Mai, hatte zweierlei Programmpunkte: Den Besuch neu konzipierter Kriegsmuseen einschließlich Soldatengräber sowie Ausflüge in die einzigartige Flusslandschaft. Kulturelle Erlebnisse wie die mittelalterliche Kathedrale und Bootsfahrten im Gemüseanbaugebiet der Stadt während der frei zur Verfügung stehenden Zeit kamen hinzu; gemeinsame Restaurantabende und Erkundungen der Gastronomie nach eigenem Gusto rundeten die Reisetage ab.
Schon kurz nachdem man im alten Bergbaugebiet von Douai die französische Grenze passiert hatte, kamen verstörende Bilder in Sicht: Inmitten grünender Felder liegende britische Soldatenfriedhöfe, eingerahmt von hellen Sandsteinmauern, oder Ruhestätten, dicht am Rande der Straße liegend. Für den Reiseleiter Axel Bornkessel, lange Jahre freiberuflich als Filmemacher tätig und bewandert in der Geschichte des Ersten Weltkrieges, war dies Anlass, mit seinen Referaten und Anmerkungen über das Geschehen vor über einhundert Jahren zu beginnen.
Von nun an war jeder Reisetag einem besonderen Themenaspekt gewidmet: Wie die Nationen Europas schlafwandlerisch in einen sich ausweitenden Krieg gerieten, der kurz und heftig sein sollte, sich aber quälend lang über vier Jahre hinzog. Der Journalist sprach über den Alltag der Soldaten; über die Erfolge der Kriegschirurgie und die weltumfassende Spanische Grippe, die ausbrach, als endlich Frieden war; über die Frauen, die sich freiwillig zur Männerarbeit und Hilfsdiensten meldeten. Angesichts der Spuren zerbombter französischer Dörfer war die Rede von der Wüste, die ein sich über hunderte von Kilometern erstreckender Stellungskampf im ganzen Norden Frankreichs hinterlassen hatte. Sich das Ausmaß der Leiden von Kriegern und ausländischen Hilfstruppen, Frauen und Kindern vorzustellen, fiel den Reisenden zunehmend schwerer.
Angesichts der Exponate im modernen, von französischen wie deutschen Historikern konzipierten Museum in Péronne konnten sie sich ein ungefähres Bild vom Stellungskrieg bei Amiens machen; im ebenfalls neuen Museum in Thiepval öffnete sich der Boden, und unter Glas schaute man hinein in all den Schrott und das Gift; Umweltlasten, die eine industrielle Tötungsmaschinerie hinterlassen hat. Wir durchstreiften im Schatten von Bäumen die Reihen der schlichten deutschen Soldatengräber unter dem Rasen von Soyécourt und Neuville-St. Vaast; wir stiegen den Hügel des australischen Memorials von Villers-Bretonneux hinauf, lasen an den Kreuzen die Lebensalter, viele der Gefallenen waren gerade einmal siebzehn, achtzehn Jahre alt; wir waren Zeugen, wie zu Ehren der Toten in der Nekropole von Thiepval im Kreise junger Schotten zwei Mädchen Dudelsack spielten. Am Schluss der Fahrt versammelten wir uns auf der Höhe von Souchez neben dem Friedhof von Notre Dame de Lorette im „Ring des Gedenkens“, wo auf übermannshohen Stelen die Namen aller in diesem Frontabschnitt gefallenen Soldaten verzeichnet sind.
Bei der Reiseleitung stand Edith Gerhards ihrem Mann zur Seite: Sie informierte eingehend darüber, was die Gruppe beim gemeinsamen Essen in der noblen Brasserie „Jules“ oder im Restaurant „Le Quai“ an landestypischen Speisen erwartete, bevor man seine Wahl traf. Denn wer kannte schon die „Ficelle Picarde“ oder die „Œufs Mimosas“, einige der Spezialitäten, die man uns in Amiens anbot? Bei einem Ausflug ins Tal der Somme berichtete sie über die Eigenarten dieses gemächlich sich in hunderten von Inseln aufteilenden Flusses; bei Fragen nach der Architektur der gotischen Kathedrale konnte die Journalistin Auskunft geben, denn eine Führung in deutscher Sprache gab es leider nicht.
Den letzten Krieg kennen die älteren Teilnehmer unserer Reise nur von den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern; weit ferner liegt für sie die Grande Guerre der Franzosen zurück, mit Schlachten, die nicht bei uns stattfanden. Für uns deutsche Nachgeborene sind die Jahre zwischen 1914 und 1918 kaum mehr vorstellbar.
Ganz anders, so die Eindrücke auf dieser Reise, schien es bei unseren Nachbarn: Für die Franzosen und die Engländer, deren Wagen bei den Erinnerungsstätten neben unserem Bus parkten, scheint er weiterhin präsent zu sein. Auf dem Soldatenfriedhof von Notre-Dame de Lorette boten uns Kriegsveteranen freundlich Auskunft. Und wir waren beeindruckt, dass auf dem kanadischen Memorial Vimy uns junge Leute aus Quebec und Toronto empfingen; sie hatten sich für diesen Friedensdienst in Europa beworben. So bleibt ihnen diese Völkertragödie, ebenso ihre schreckliche Fortsetzung einundzwanzig Jahre später, gegenwärtig. Nicht anders ist das alljährliche gemeinschaftliche Innehalten, sind die Mohnblumen, die man sich jeden 11. November zum international begangenen Remembrance-Day anheftet, zu verstehen.
Was taten wir, die Deutschen; was unternahm der Volksbund? Es lag nahe, dass die Reisegruppe mehr über die schier unlösbare Aufgabe erfahren wollte, die zu bewältigen sich der 1919 gegründete Verein gleich nach dem Friedensschluss anschickte zu lösen: Vom ehemaligen Gegner Auskünfte über Hunderttausende von Gefallene und Vermisste zu erbitten, die in den Wüsteneien eines unversöhnlich gesonnenen und verarmten Nachkriegsfrankreich umgekommen waren; diese Informationen an die Hinterbliebenen weiterzugeben, ihrem Wunsch nachzukommen, Gräber zu pflegen oder Blumengrüße zu schicken; die Leistung, Reisen zu organisieren in einer Zeit, als die Inflation dies kaum erlaubte und als die Auflagen des Versailler Vertrages die Nachbarschaft zweier Völker eher noch vergifteten als Verständigung ermöglichten.
Für uns, die wir seit den Treffen Adenauers und de Gaulles, seit Abschluss des Élysée-Vertrages eine freundschaftliche Nachbarschaft mit Frankreich erleben dürfen, erschienen uns die Anfänge des Volksbundes im Rückblick auf das Gesehene, Empfundene und Erlebte als geradezu heroisch. Mancher in der Gruppe wünschte sich, zu erfahren, wie grundlegend und umfassend dessen Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung gewesen ist. Dass die Exkursion solch offene Fragen hinterließ, darf auch als ein Erfolg gewertet werden.
Text: Dr. Axel Bornkessel; Bilder: Edith Gerhards